Nicoleta, die stumme Erzählerin

Nicoleta Craita Ten’o

Mit 13 Jahren aufgehört zu sprechen
Von Rose Gerdts-Schiffler
Bremen. Mit 13 Jahren beschließt Nicoleta Craita Ten’o von einem Moment auf den anderen mit niemandem mehr zu sprechen. Vergeblich versuchen Eltern und Lehrer sie umzustimmen. Schließlich muss sie die Schule in ihrer rumänischen Heimatstadt Galati verlassen. Statt zu reden, schreibt und dichtet das Mädchen wie besessen und bringt sich nebenher fünf Sprachen bei. Inzwischen hat die stumme Autorin mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht.

Die junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und dem runden Gesicht sieht in ihrer Latzhose und der karierten Bluse aus, als wäre sie ein wenig aus der Zeit gefallen.
Als sie die Tür zu ihrer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Burgdamm öffnet, weicht sie im selben Moment zurück. Fast scheint es, als müsse sie allen Mut zusammennehmen, um angesichts eines fremden Menschen in ihrem Wohnzimmer nicht gleich die Flucht zu ergreifen. „Ich bin ein sehr komischer Mensch“, hatte sie die Besucherin in einer der E-Mails gewarnt, die dem Interview vorausgingen.
Wer mit ihr Kontakt aufnehmen will, muss schreiben. Denn die Lyrikerin und Buchautorin aus Rumänien hat im Alter von 13 Jahren das Sprechen eingestellt. Fortan ging die frühere Klassenbeste in ihrer Heimatstadt Galati nicht mehr zu Schule. Ärzte stellten bei ihr unter anderem eine besondere Form von Autismus fest. Sie selbst spricht mal von ihrer Krankheit, mal nebulös von einem Ereignis, das ihr Leben veränderte. Seitdem hat sich Nicoleta Craita Ten’o bewusst aus dem Leben zurückgezogen. Dennoch hat sie Interesse an einem Interview. Wenn auch einem, dass völlig anders als gewohnt abläuft, da die 33-Jährige jede Frage entweder durch Kopfnicken oder schreibend beantwortet.

Schreiben als Lebensinhalt
Obwohl Nicoleta Craita Ten’o vor vielen Jahren abrupt zu sprechen aufhörte, kommunizierte sie ständig weiter mit ihrer Umgebung. Das Mädchen schrieb wie eine Besessene, Erzählungen, Romane und Gedichte. Kein Tag verging, an dem sie nicht etwas produzierte.
Im Jahr 2000 erschien ihr erster Gedichtband in rumänischer Sprache, 2002 ihr Debütroman. Für ihren Roman „Rebel“ erhielt sie vom Verein rumänischer Schriftsteller 2003 den ersten Preis. Zu dem Zeitpunkt lebte Nicoleta Craita Ten’o mit ihren Eltern, die als Schiffsbauingenieure nach Deutschland gegangen waren und der jüngeren Schwester Andra, schon zwei Jahre lang in Bremen.
Mit dem Umzug nach Deutschland war Nicoleta Craita Ten’o wieder von ihrer Umwelt abgeschnitten. Denn, wie sollte sie Deutsch lernen, ohne einen Sprachkurs gemeinsam mit anderen Migranten zu besuchen? Die junge Frau lernte die neue Sprache trotzdem. Nicht etwa holprig und notdürftig, sondern bis auf ein paar kleine Flüchtigkeitsfehler in der Rechtschreibung nahezu perfekt. Fortan schrieb die junge Rumänin ihre Geschichten auf Deutsch. Im April 2010 erschien ihr erstes Gedichtband „Haruka“ in deutscher Sprache. Ein weiterer Band mit dem Titel „Drei Köpfe“ erschien 2011 im Zwiebelzwerg Verlag. Ein neuer Band mit Erzählungen soll in diesem Sommer im selben Verlag erscheinen, außerdem der Roman „Das Schweigen und die zwei Frauen“ im Vindobona-Verlag.
Deutsch ist nur eine von mehreren Sprachen, die sich die junge Frau auf eigene Faust beigebracht hat. Nicoleta Craita Ten’o beherrscht noch Spanisch, Italienisch, Englisch und Französisch. Niemand hat ihr die Grammatik erklärt oder Vokabeln abgefragt. Auf die Frage, wie sie es in ihrer selbst gewählten Isolation zu solch einer „Sprachkompetenz“ geschafft hat, zuckt die junge Frau gleichmütig mit den Schultern. „Ich habe mir alles selbst beigebracht“, schreibt sie in großen Druckbuchstaben auf ihren Schreibblock. „Vor allem, in dem ich viel ausländische Fernsehsender geschaut habe.“
Mit Französisch begann ihr – zumindest – sprachlicher Aufbruch zurück in die Welt. Da sie schon als Jugendliche nicht mehr zur Schule ging, sah Nicoleta Craita Ten’o Stunde um Stunde in ihrem Elternhaus Fernsehen, vorausgesetzt, sie schrieb nicht gerade wieder an einem Gedicht. Eine ihrer Lieblingssendungen war damals eine französische Zeichentrickserie mit Untertiteln.
Das stumme Mädchen aus Rumänien wurde ein glühender Fan der Serie, schrieb Briefe über Briefe und erhielt irgendwann Kontakt zu zwei Mitarbeiterinnen. „Wir schreiben uns Hunderte von Mails“, sagt die 33-Jährige stolz und zeigt auf zwei hübsche junge Frauen, deren Porträts auf dem Tisch stehen. Erst nach vielen Jahren lernte Nicoleta Craita Ten’o die beiden Französinnen Reika und Michiru persönlich kennen. Ihre Freundinnen arbeiten inzwischen an der Universität Hamburg, Michiru ist nebenbei als Künstlerin tätig. Anlässlich des Geburtstags der 33-Jährigen kam Michiru aus Hamburg nach Bremen und ging mit ihrer ungewöhnlichen Brieffreundin gemeinsam ins Einkaufszentrum Waterfront.

Sechs Sprachen fließend
„Warum ausgerechnet an einen Ort, wo sich so viele Menschen aufhalten?“ Die Frage zaubert für Bruchteile von Sekunden ein verschmitztes Lächeln auf das Gesicht der Autorin. Ohne zu zögern notiert sie auf ihrem Schreibblock: „Weil es dort so schöne Puppen gibt.“ In jeder Ecke ihrer Wohnung stehen, liegen und sitzen Puppen aller Größe. Sie sind ihre ständigen Begleiter, ihr Schutz und ihr Halt. So wie ihre beiden Freundinnen aus Hamburg. „Ich weigere mich wohl erwachsen zu werden“, schreibt sie selbstkritisch auf. Nicoleta Craita Ten’o könnte mit ihren Sprachkenntnissen spielend mit halb Europa kommunizieren, doch sie zieht es vor, die meiste Zeit zurückgezogen in ihrer Wohnung zu leben. Ihr Tor nach draußen ist das Internet, ihr Leitsatz, der sie seit dem achten Lebensjahr begleitet, der Refrain einer rumänischen Sängerin: „Ich will der Welt ein Zeichen meines Daseins hinterlassen.“

Quelle: WESER-KURIER – BREMEN – VERMISCHTES 30.3.2012 – DIE STUMME ERZÄHLERIN